Viola da Gamba — Renaissance eines verschwundenen Instruments
Sieben Saiten, gestimmt in Quart-Terz-Quart-Quart, gehalten zwischen den Knien. Wie das wichtigste Streichinstrument der Barockzeit ab 1780 verschwand — und wie es seit Wenzinger, Savall und Kuijken wiederkommt.
Zwischen etwa 1500 und 1780 war die Viola da Gamba das wichtigste Streichinstrument der europäischen Kammermusik. Sie war das Instrument der Konsorten, der Solo-Pièces, der Continuo-Bassstimme. Sie war der Klang der englischen Renaissance, der französischen Hofmusik unter Lully, der deutschen Kammermusik von Schenck und Buxtehude, der italienischen Sonaten-Tradition. Und dann, innerhalb von etwa drei Generationen am Ende des 18. Jh., verschwand sie. Die Violoncello-Familie, mit ihrer höheren Lautstärke, ihrer Quintenstimmung, ihrer Tauglichkeit für die größeren Konzertsäle der Romantik, hatte sie verdrängt. Was übrigblieb, war ein Instrument in Museumssammlungen — bis die HIP-Bewegung der 1960er Jahre die Gambe wieder in den Kammermusik-Raum zurückbrachte. Im aktuellen Heft № 23 zeichnen wir den Weg dieser Renaissance nach.
Anatomie
Die Gambe unterscheidet sich von der Cello-Familie in fast jeder konstruktiven Frage. Erstens die Saitenzahl: sechs bei der Diskant- und Tenorgambe, sechs oder sieben bei der Bassgambe (die siebte Saite, ein tiefes A0 oder As0, wurde Ende des 17. Jh. eingeführt, vor allem in Frankreich). Zweitens die Stimmung: Quart-Terz-Quart-Quart-Quart, wie eine Renaissance-Laute, nicht Quint-Quint-Quint wie Violine und Cello. Eine siebensaitige Bassgambe ist gestimmt: A0–D1–G1–H1–e1–a1–d2. Die kurze grosse Terz in der Mitte ist akustisch und spieltechnisch zentral — sie ermöglicht Akkord-Spiel mit einfacher Greifgeometrie, ähnlich der Laute.
Drittens die Bauform: C-förmige Zargen, flache Decke, Schalllöcher als C-Löcher (nicht F-Löcher), gewölbter Boden — eine Mischung aus Geigen- und Lautenbau. Viertens der Bogen: kürzer (ca. 65–70 cm gegenüber 75 cm beim Tourte-Bogen für Cello), schwerer am Frosch, leichter an der Spitze, mit Untergriff gehalten — Daumen unten, Zeigefinger oben, kein Pizzicato-Druck wie beim Cello-Bogen. Diese Bogenhaltung verändert das gesamte Phrasierungs-Vokabular: die Bogen-Mitte ist der natürliche Druckpunkt, das Crescendo geht von der Spitze zur Mitte (nicht wie beim Cello vom Frosch zur Spitze).
Fünftens — und namensgebend — die Haltung: zwischen den Knien (italienisch „gamba” = Bein), nicht auf einem Stachel. Auch große Bassgamben werden zwischen den Knien gehalten, was eine bestimmte Sitzhaltung und eine andere Bogen-Mechanik erzwingt als das Cello.
Das Verschwinden
Warum verschwand die Gambe um 1780? Drei Gründe: Lautstärke, Konzertsaal-Akustik, gesellschaftliche Funktion. Erstens war die Gambe konstruktiv leiser als das Violoncello. Mit Darmsaiten in 415 Hz (Spannung von 5–7 kg pro Saite) entwickelte sie eine intime, obertonreiche Kammermusik-Stimme — für höfische Kabinette und kleine Salons. Das Cello mit höher gespannten Saiten und massiverer Bauweise war für den Konzertsaal lauter. Zweitens entstanden ab 1750 die ersten dezidierten Konzertsäle (Leipziger Gewandhaus 1781, später die Wiener und Berliner Säle), die Räume für mehrere hundert Hörerinnen und Hörer. Drittens war die Gambe gesellschaftlich an die höfische Musikkultur gebunden — als diese Kultur in der französischen Revolution und in der bürgerlichen Konzert-Tradition verschwand, verschwand auch das Instrument, das zu ihr gehörte. Marin Marais, der Gambist Ludwigs XIV., war 1728 noch gefeiert; sein Enkel um 1780 schon vergessen.
Die Renaissance ab den 1960ern
August Wenzinger (1905–1996), Schweizer Cellist und Gambist, war der erste, der die Gambe ernsthaft als Konzert-Instrument zurückbrachte. Er gründete 1933 die Schola Cantorum Basiliensis, die zum institutionellen Zentrum der HIP-Bewegung wurde. Wenzingers Aufnahmen der Bach-Gambensonaten BWV 1027–1029 (Archiv Produktion, 1950er Jahre) sind die Gründungsdokumente des modernen Gambenspiels.
Jordi Savall (geboren 1941, Katalane) ist der bekannteste lebende Gambist. Seine Aufnahme des Soundtracks zu Alain Corneaus Film „Tous les matins du monde” (1991) — Marin Marais und Sainte-Colombe, gespielt auf einer siebensaitigen Bassgambe — wurde zum Tor für ein größeres Publikum. Über zwei Millionen verkaufte Exemplare, der Film selbst über das Verhältnis von Sainte-Colombe (dem strengen Lehrer) und Marais (dem ehrgeizigen Schüler) wurde zur Volksbildung der französischen Barock-Tradition. Savall ist heute fünfundsiebzig, immer noch aktiv, leitet das Ensemble Le Concert des Nations und das Hespèrion XXI.
Wieland Kuijken (geboren 1938, Belgier) ist die zweite zentrale Gestalt — Mitbegründer von La Petite Bande, Bruder von Sigiswald (Violine) und Barthold (Traverso) Kuijken. Wieland Kuijkens Bach-Gambensonaten-Aufnahmen (1994 und 2009) sind seit zwei Jahrzehnten die Referenz. Sein Spiel ist asketischer als Savalls, mit weniger Vibrato, klarerer Stimmtrennung, präzisem Bogen-Wechsel.
Aktuelle Spielerinnen und Spieler 2026
Neben Savall (75) und Kuijken (87, noch unterrichtend) sind aktuell aktiv: Vittorio Ghielmi (Italienisch, geboren 1968, Schüler von Kuijken, leitet Il Suonar Parlante); Sarah Cunningham (Britisch-Amerikanisch, Spezialistin für englisches Konsorten-Repertoire); Petr Wagner (Tschechisch, geboren 1969, Ensemble Tourbillon); Friederike Heumann (Deutsch, geboren 1976, Ensemble Stylus Phantasticus); Paolo Pandolfo (Italienisch, geboren 1964, Solo-Karriere mit Schwerpunkt auf französischem Repertoire); Robert Smith (Niederländisch, jüngste Generation, geboren 1986).
Aktuelle Hersteller
Wer 2026 eine Gambe bauen lässt, geht zu einem von etwa fünfzehn aktiven Spezial-Werkstätten in Europa. Drei Beispiele: Andreas Sauer (Bremen) baut nach Modellen von Joachim Tielke (Hamburg, 1641–1719) und Henry Jaye (London, frühes 17. Jh.). Lieferzeit aktuell 3 Jahre, Preise zwischen 18.000 und 32.000 Euro für eine Bassgambe. Carsten Bracker (Köln) hat einen Schwerpunkt auf französischen Modellen nach Michel Colichon (Paris, Ende 17. Jh.) — Lieferzeit 4 Jahre, Preise bis 45.000 Euro für Premium-Instrumente mit ausgesucht historischer Holz-Auswahl. Stefano Pini (Mailand) baut italienische Modelle nach Antonio Ciciliano (Venedig, 16. Jh.) und nach norditalienischen Spät-Renaissance-Bauformen — Lieferzeit 2 Jahre, Preise ab 22.000 Euro.
Repertoire-Schwerpunkte
Französisch: Marin Marais (1656–1728), fünf Bücher „Pièces de Viole” 1686–1725, insgesamt knapp sechshundert Stücke; Antoine Forqueray (1672–1745), virtuoses Solo-Repertoire; Jean-Henri d’Anglebert; Louis de Caix d’Hervelois. Italienisch: Diego Ortiz (1510–1576), das früheste systematische Gambenwerk „Trattado de glosas” (1553); Giovanni Battista Vitali; Antonio Vivaldi (Sonaten für Viola d’amore und Gambe). Deutsch: Johann Sebastian Bach, drei Gambensonaten BWV 1027–1029 (entstanden um 1740 in Leipzig, vermutlich für den Gambisten Carl Friedrich Abel oder seinen Vater); Johann Schenck (1660–1712), „L’Echo du Danube”; Dietrich Buxtehude (Triosonaten op. 1 und op. 2). Englisch: William Byrd, John Jenkins, John Coprario, Henry Purcell — das große Konsorten-Repertoire des 16. und 17. Jh.
Die Lyra-Viol als Sonderform
Eine besondere englische Spielart ist die Lyra-Viol — eine Bassgambe in alternativen Stimmungen (über sechzig verschiedene historische Stimmungs-Schemata sind dokumentiert), die akkord-betontes Solo-Spiel ermöglichte, ähnlich der Laute. Tobias Hume, Thomas Ford, Alfonso Ferrabosco der Jüngere schrieben dafür. Die Tabulatur-Notation der Lyra-Viol ähnelt mehr einer Lauten- als einer Streicher-Tabulatur. Heute ist die Lyra-Viol eine Spezialdisziplin innerhalb der Gambenwelt, mit nur einigen Dutzend ernsthaften Spielerinnen und Spielern weltweit.
Empfehlung
Wer den Klang der Gambe einmal hören möchte, beginnt mit der Sainte-Colombe-Aufnahme Jordi Savalls auf dem „Tous les matins du monde”-Soundtrack (Alia Vox, 1991). Anschließend Kuijkens Bach-Gambensonaten (Sony 1994). Wer tiefer einsteigen will: Marin Marais, „Pièces de viole” Buch IV, gespielt von Paolo Pandolfo (Glossa 1998) — ein zweistündiges Solo-Werk, das die Gambe als komplettes Solo-Instrument zeigt. Diese Woche im Magazin: ein Werkstatt-Besuch bei Andreas Sauer in Bremen, mit Bildern aus dem Bau einer siebensaitigen Bassgambe nach Tielke.